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| © Klaus Mellenthin |
Lieber Klaus, was ist für Dich das Faszinierende an der Fotografie?
Gerald, darauf kann ich Dir beim besten Willen keine kurze Antwort geben!
Fotografie ist einer der wichtigsten Bereiche der Gegenwartskultur, auf einer Höhe mit Musik und Film. Vor allem in den USA, Frankreich und Großbritannien ist Fotografie ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Kultur-, Kunst- und Gesellschaftslebens. Die Fotografie ist eigentlich ein nüchternes Medium der Dokumentation, wenige technische Parameter stehen zur Verfügung, abgebildet wird Realität. Und doch - oder gerade deswegen - finden Fotografen immer wieder höchst individuelle Ausdrucksweisen, die eben nicht nur abbilden sondern stilbildend für ihre Zeit sind. Kollegen wie Robert Frank, Diane Arbus, Horst Faas, Newton, Corbijn, Teller und viele andere haben mit Ihren Bildern ähnlichen Einfluss auf die Kultur wie Musiker aus deren Zeit.
Mit 16 schnappte ich mir die Pentax Spotmatic meines Vaters, Kaufjahr ´69 - mein Geburtsjahr - und fing an, damit zu fotografieren. Es gab nur das 1.8/50er, keine Anleitung. Doch von Anfang an verstand ich das Zusammenspiel von Mechanik, Optik, Chemie und Physik. Und wusste, dass ich hier mein ganz persönliches Werkzeug gefunden hatte, mit dem ich meine Welt festhalten und meiner Umwelt zeigen konnte, was mir wichtig war. Seitdem ist die Fotografie meine zweite Muttersprache.
Heute arbeite ich meist mit größeren Teams, und dabei bin ich Bandleader: meine Stylisten, Make-Up-Artists, Retucheure, Assistenten sind allesamt kreative Individualisten. Ich gebe - in Abstimmung mit dem Kunden und dem CD - die Richtung vor, stecke den Rahmen ab. Innerhalb dieses Rahmens lasse ich aber alle möglichst frei genau das tun, was sie am besten können - und das können sie besser als ich!
Ich bin voller Bilder: egal ob ich nur von einem Redakteur begleitet in Uganda fotografiere oder mit komplettem Team in Berlin. Mit einer Kamera in der Hand kommen sie aus mir heraus.
Liebst Du deinen Beruf noch genauso wie am Anfang oder ist er zur Routine geworden?
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| © Klaus Mellenthin/Westend61 |
Ich arbeite vor allem in Europa und in Afrika, zwei sehr vielschichtigen Kontinenten. Meine Kunden kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und ich betrachte es als Geschenk, dass ich regelmässig in alle Bereiche des Lebens hineinschauen darf. Manche Monate sind so voller unglaublicher Eindrücke, dass ich sie kaum verarbeiten kann. Und nein, ich sehne mich nicht nach inhaltlicher Routine!
Und dennoch war ich vor 5 Jahren an einem toten Punkt. Im Laufe der Jahre hatte ich mich mehr und mehr um die kommerzielle Seite meiner Fotografie gekümmert.
Ich musste Grundlegendes ändern. 2008 zog ich nach Paris. Plötzlich war ich in einer Umgebung, in der Fotografie Alltagskultur ist, und der Fotograf eine ganz andere gesellschaftliche Stellung hat. Im Petit Palais hingen Arbeiten von Patrick Demarchelier neben Meistern aus dem 16. Jahrhundert, im Carrousel Du Louvre gibt es jeden November die ParisPhoto, im Le Bal findet man faszinierende Street-Photography, es gibt das Maison Européenne de la Photo, das Jeu de Paume, unzählige Foto-Galerien. In diesem Umfeld habe ich gelernt, die mir bis dahin heilige Aufnahme-Technik weniger ernst zu nehmen und mich dafür mehr auf Inhaltliches zu konzentrieren - und so habe ich meine Liebe zur Fotografie wiedergefunden.
Seit wann belieferst Du Bildagenturen?
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| © Klaus Mellenthin/Westend6 |
Zuvor fotografierte ich schon ca. 2 Jahre im Auftrag für eine auch in Bayern ansässige Produktions-Agentur. Damals wurde ich mit meinem Tagessatz als Fotograf eingekauft, später habt ihr das ja für einige Jahre genauso gehandhabt. Das waren sehr schöne Produktionen mit ebensolchen Reisen, ich arbeitete mit einer ganz hervorragenden Art-Directorin zusammen, von ihr lernte ich fast alles über Stock-Fotografie. Beste Grüsse an Petra an dieser Stelle!
Was gefällt Dir an der Arbeit für eine Bildagentur?
Ganz klar: man fotografiert an schönen Plätzen schöne Menschen bei schönen Aktivitäten. Und muss niemals nach Layout fotografieren. Wieder eine Analogie zur Musik: Bildagentur-Produktionen sind wie eine Jam-Session! Der Rahmen ist gesteckt, die Instrumente definiert und dann geht's los. Das Publikum will unterhalten werden. Und genau darin liegt - für mich - auch die Gefahr von Stock-Shootings.
Man muss aufpassen, nicht zu glatt und zu populär zu fotografieren. Es gab Zeiten, da habe ich sicherlich 30% meiner Zeit für Stock fotografiert, und das hat sich schnell auch in meiner Auftrags-Arbeit gezeigt - kommerziell ein Erfolg, doch inhaltlich?
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| © Klaus Mellenthin/Westend61 |
In der Stock-Fotografie bin ich freier, kann flexibler auf Vorhandenes reagieren. Lache mehr.
Eigentlich ist Stock - so wie ich es machen darf - wie meine Arbeit für Lifestyle-Modekataloge, nur dass ich nicht auf den Sitz der Kleidung achten muss, nicht auf Applikationen oder Nähte.
Ein Manko ist, dass man pro Produktionstag möglichst viele verschiedene Motive umsetzt, um die teils erheblichen Produktionskosten zu amortisieren. Dadurch bleibt wenig Raum für die Entwicklung eines wirklich starken Motivs. Das ist der Luxus der Auftrags-Fotografie: wenn nötig bekomme ich viel Zeit und Ressourcen, um genau dieses eine Motiv umzusetzen.
Und natürlich sollte man für die Stock-Fotografie keine allzu eigenwillige Bildsprache entwickeln, es darf möglichst wenig stören. Doch Fotografie, die Zeiten überdauert ist häufig genau dadurch geprägt. Sie irritiert, fordert Aufmerksamkeit ein, ist ernsthaft.
Meine Zutaten für ein gutes Stock-Foto sind ein gutes Team, eine schöne Location und viel gute Laune. Meine Zutaten für ein starkes Foto sind Zeit und Konzentration.
Warum ist für Dich Macrostock weiterhin ein interessantes Geschäftsfeld, obwohl die ganze Welt von Microstock spricht?
Meine Welt funktioniert nicht nach dem Prinzip „viel für billig“.
Es ist tausendmal gesagt, und dennoch wahr. Was nichts kostet, ist nichts wert. Meine Überzeugung ist, dass das was wir machen, wertvoll ist. Um auf den Betrag X zu kommen, verkaufe ich lieber zwei Bilder zu hohen Preisen als 2000 für einen Euro.
In diesem Sinne wünsche ich mir, dass die mit mir kooperierenden Bildagenturen die Kaufoption für billig verkaufte Online-Bildchen aus dem Programm nehmen, um sich über Qualität zu profilieren.
Mit der Einführung von bezahlbaren digitalen Spiegelreflexkameras kam es zu einer regelrechten Bilderflut. Hatte das negative Auswirkungen auf Dein Geschäft? Indem zum Beispiel Kunden angefangen haben, Preise zu drücken, weil die Fotografie entwertet wurde?
Fotografie wird nicht durch digitale Kameras entwertet! Es sind wir Fotografen und Agenturen, die Bilder verramschen, Bilder-Flatrates für Kunden anbieten, Bilder zur reinen Konsum-Ware verkommen lassen.
Für mich war die Verfügbarkeit von digitalen Aufnahme-Geräten eine beispiellose Befreiung: endlich hatte ich die komplette Kontrolle über Farbtemperatur, ISO, Helligkeit, Kontrast.
Endlich konnte ich ohne Umwege die Bilder so aussehen lassen, wie ich sie sah!
Billiger wurde es nicht. Ich arbeite mit zwei digitalen Mittelformat-Systemen, der Hasselblad H4D für Mode und Portrait, der Leaf Aptus an der ALPA für Architektur. Für Stock-Fotografie kommen die Leica M9 oder die Nikons zum Einsatz.
Durch Microstock, Digitalisierung und Web 2.0 drängten viele Amateure auf den Markt, die den Profis einiges von ihrem Geschäft weggenommen haben. Was hältst Du von dieser Entwicklung?
Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie hat sich der Markt verändert. Auf der einen Seite stehen die Fotografen, die mit geringem Aufwand eine sehr hohe Anzahl an Motiven fotografieren und diese zu wirtschaftlich kaum zu rechtfertigenden Konditionen auf den Markt bringen. Diese sind natürlich in Konkurrenz zu all den Amateuren - ein Wort, das ich im französischen Sinne positiv besetzt nutze - die häufig mit demselben reduzierten Aufwand arbeiten und ähnliche Qualitäten erreichen.
Auf der anderen Seite aber hat sich die Werbe- und auch Kunstfotografie in einem hohen Maße professionalisiert - grosse Produktionen werden heute mit sehr viel Aufwand in Organisation, Technik und Manpower realisiert. Konzept und Umsetzung müssen ineinandergreifen, das kann ein Amateur nicht leisten.
Was sagst Du dann zu Yuri Arcurs, der 4 Millionen Bilder im Jahr verkauft? Ist das nicht wirtschaftlich zu rechtfertigen?
Ganz grosser Respekt!
Doch wenn wir davon ausgehen, dass nicht einmal 2 Prozent der über 300.000 Microstock-Fotografen von dem leben können, was sie tun, dann ist Arcurs mit seiner Firma die Ausnahme, welche eindrucksvoll die Regel bestätigt! Wie auch das gerade von mir Gesagte. Hemdsärmlig kommt man nicht so weit, er treibt einen immensen Aufwand und hat das Business in hohem Maße professionalisiert!
Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob ich in erster Linie gestaltender Fotograf sein will oder vor allem Unternehmer. Der Kollege ist Unternehmer geworden, mit dem Fokus auf Umsatz. Das ist nicht mein Weg. Nicht missverstehen, an keinem der Wege ist etwas falsch! Ich bevorzuge für mich jedoch die Vielfalt meiner Kunden und damit meiner Aufgaben.
Glaubst Du, dass es heute leichter ist, erfolgreicher Fotograf zu werden als noch vor 10 oder 20 Jahren? Das Web ist ja voll von Weiterbildungsmöglichkeiten und man findet auf fast jede technische Frage eine Antwort.
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| © Kleua Mellenthin/Westend61 |
Ich habe mich als 23-jähriger selbstständig gemacht. Damals war der Begriff der Medienberufe noch nicht Allgemeingut, kaum ein Abiturient wollte etwas „Kreatives“ machen. Die Budgets waren vergleichsweise hoch, die Kosten, um ein Studio einzurichten überschaubar, Kameras kosteten einen Bruchteil von heute, hielten dafür 15 Jahre, nicht drei. Das Verhältnis Jobs zu Fotografen war im Gleichgewicht.
Seit einigen Jahren ist es en vogue, Fotograf zu sein. Gleichzeitig sind die Budgets massiv geschrumpft, die Kosten für die Infrastruktur gestiegen.
Jede Zeit hat ihre individuellen Herausforderungen, heute ist es aus meiner Sicht wichtig, sich zu professionalisieren, zu profilieren, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Und sichtbar zu sein, sei es über Verbände wie den BFF, über Ausstellungen, Wettbewerbe oder über Veröffentlichungen.
Anfang Juni war ich in den Berliner Uferhallen bei der Abschlussausstellung des Lette-Vereins, und es waren ganz hervorragende Arbeiten dabei! Ich weiß nicht, ob es vor 20 Jahren leichter war oder heute, doch jedes Jahr schaffen es einige fantastische junge Kollegen, sich dauerhaft durchzusetzen.
Jetzt zur letzten Frage: Was gefällt Dir an der Zusammenarbeit mit Westend61?
Letzten Winter sagte der Inhaber einer der grossen französischen Stock-Agenturen zu mir:
„Klaus, you´re married to Westend61!“
Nun, Ihr habt mir damals einiges über den Unterschied zwischen einem verkaufbaren Bild beigebracht und einem, das es definitiv nicht ist!
Heute schätze ich die offene und vertrauensvolle Kommunikation - in den gesamten Jahren habe ich nicht eine schwierige Situation mit Euch erlebt. Edith ist als Art-Directorin eine nicht zu verzichtende Unterstützung bei der Planung und Umsetzung meiner eigenen Stock-Produktionen.
Lieber Klaus, vielen Dank für das Gespräch.





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